Stellung beziehen

Stellung beziehen

Unruhen erschüttern das ganze Land Israel. Tragische Geschichten und Bilder prägen den Alltag, der hier lebenden Menschen. Jüdische und arabische Israelis, Palästinenser, Ausländer. Und lange wollte ich still sein. Doch Kommentare auf Facebook, Instagram, ect. steigern das Bedürfnis doch Stellung zu beziehen. 

Ich möchte ein wenig beschreiben, wie ich als hier lebende Expat die angespannte Lage wahrnehme, wie die Kinder damit umgehen und wie unser israelisches Umfeld reagiert.

Kurz nach dem Einschlag einer Bombe in Jerusalem waren kurz darauf Schüsse und Feuerwerk im angrenzenden arabischen Dorf zu hören. (So werden freudige Ereignisse kundgetan.) Autos fuhren mit lauter arabischer Musik durch unsere Quartiere. Nein, es wurde niemand getötet auf israelischer Seite. Auch keine Araber. Die Tatsache, dass auf israelischer Seite Schaden angerichtet werden konnte, war Grund genug zu feiern. 

Danach überschlugen sich die Ereignisse. Während die Hamas Tausende von Bomben (inzwischen über 4000)  nach Israel schleuderte, landeten ca. 400 innerhalb Gaza’s. Es muss davon ausgegangen werden, dass zig Menschen den Tod und noch viel mehr Verletzte zu betrauern sind. Gaza ist sehr dicht besiedelt. Kommt hinzu dass Bomben, die auf israelischem Boden einschlugen vorwiegend muslimische Araber getroffen hat. Hamas und Palästinenser aus dem Gaza Gebiet vernichten ihre eigenen Brüder und Schwestern. Doch der Hass gegenüber den Israelis ist so viel grösser, dass die Freude darüber israelisches Gebiet zerstört zu haben, überwiegt. 

In diesem Chaos geht ein ganz wichtiger Punkt vergessen. Während weltweit Position bezogen wird entweder für Israel, gegen Palästinenser oder noch viel mehr Umgekehrt – möchte ich für die sprechen, die dabei vergessen gehen. Israels Politik wird kritisiert (wobei ich mich immer wieder frage, in welchem Land Politik nur löblich ist), Hammas wird kritisiert, die radikalen Muslimen werden kritisiert, radikale jüdische Siedler und Ultraorthodoxe Juden werden kritisiert… und in diesem ganzen Einheitsbrei geht ein wichtiger Teil vergessen. 

So ist der grösste, meist säkulare, Teil der Israelis daran interessiert die Waffen nieder zulegen und in Frieden miteinander zu leben. Niemand möchte seine erwachsenen Kinder, Väter und Verwandten an die Front senden. Israel hat nur ein militärisches Ziel. Die Sicherheit ALLER in Israel lebenden Menschen, egal welcher Herkunft sie sind. Verteidigungsmassnahmen und Vernichtung von militärischen Einrichtungen der Gegner sind dabei unumgänglich. Mit dem sogenannten „Anklopf – System“ (Bekanntgabe von Tag, Zeit und welches Objekt angegriffen wird) soll verhindert werden Zivilisten zu treffen. 

Die Krux an der Geschichte ist wohl diese, wie Kinder dieses Geschehen wahr nehmen. So ist es verblüffend, wie sehr die Bildungssysteme alles daran setzen, den Kindern einen möglichst geregelten Alltag aufrecht zu halten mit viel Freud und wenig Sorgen. Und doch wird selbst den 3- und 4-jährigen Kindergärtnern die Funktion des Iron Dom’s erklärt, spielerisch der Aufenthalt im Schutzkeller geübt und Geschehnisse beim Namen genannt. Jedoch bleibt es ungenannt, woher die Raketen kommen. Selbst in Rundschreiben von Pädagogen, wie der Landeszustand zu bewältigen und verarbeiten ist, gerade im Umgang mit Kindern, wird  nicht mit einem Wort jemand dafür verantwortlich gemacht, angeprangert, gehetzt oder negativen Gefühlen gegenüber unseren Nachbarn Platz gegeben. In verschiedenen Whatsapp Gruppen wird über Unklarheiten und Schwierigkeiten bezüglich des Krieges gesprochen. Auf bösartige Worte wird verzichtet. Die Kinder lernen von Kleinauf, wir sind Juden und wir leben mit Arabern im gleichen Land, best möglichst Hand in Hand.

Auch unsere Kinder lernen, dass die Araber unsere Nachbarn und nicht unsere Feinde sind. Während Kinder das einfach hinnehmen und grossherzig ihre arabische Lehrerin lieben, fällt es mir und Pascal deutlich schwerer. Wir haben arabische Freunde, geniessen auch ihre Dienstleistungen und zählen die arabischen Apotheker zu den Besten des Landes. Trotzdem bleibt der Kampf gegen ein inneres Misstrauen. Während doch viele von Ihnen auch nur in Frieden leben und arbeiten wollen. 

Wenn ich eines in der Vergangenheit gelernt habe dann dies. Das europäisch humanitäre Gedankengut findet kaum eine Schnittstelle mit der islamischen Machtkultur. Ist es nicht umso erstaunlicher, dass gerade Europa sich besondere Mühe macht sich in Israels innere Angelegenheiten einzumischen? Das Ziel ist nicht gegenseitige Freundschaften. Das Ziel ist gegenseitiger Frieden. Der ganze Nahostkonflikt ist viel komplexer als das Wesen einer Frau. Für vieles gibt es nicht DIE LÖSUNG, aber auch nicht unbedingt eine Erklärung. Und somit üben wir uns weiter darin, die israelische Mentalität der gegenseitigen Akzeptanz zu erlernen und nie die Hoffnung aufzugeben. Denn Hoffnung ist das, was Israel seit seiner Entstehung prägt, überwinden hilft und Anlass ist zur Freude in jeder Situation.

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