selbstverständlich

selbstverständlich

Ich bin Dankbar, denn ich kann riechen...

Die hebräisch sprechende Kultur lehrt Kinder spätestens ab der 1.Klasse die tiefere Bedeutung eines Wortes zu erfassen und zu verstehen. Yahel ist völlig fasziniert von dieser Art Schatzsuche und versucht dies auch immer wieder mal bei deutschen Wörtern. So fragte sie eines Abends während dem Nachtessen, was die Bedeutung von „selbstverständlich“ sei. Während sich das Wort einfach auseinander nehmen lässt – selbst, verständlich – so ist der Sinn dahinter nicht ganz so selbstverständlich. Der Duden erklärt dieses Wort mit; sich aus sich selbst verstehend. Beispiele von Synonymen gemäss synonyme.woxikon.de sind; immer, bestimmt, bitte, sicher, durchaus, sofort, natürlich ect. (Für meinen Geschmack eher ein fades Repertoir an Wortersätzen.)

Nachdenklich sass ich also da. Während Pascal erklährte, ratterte mein Hirn.

Selbstverständlich, dass ich esse, trinke, schlafe, geliebt werde, Bildungsmöglichkeiten habe, Fortbewegungsmittel benütze, Besitztümer habe, denken – sehen – hören kann… 

Selbstverständlich nutze ich Medizin, übe ich meine Sozialkompetenzen aus, putze ich meine Zähne, ziehe ich mir frische Kleider an, pflege ich meine äussere Erscheinung…

Selbstverständlich geniesse ich Meinungsfreiheit, Freunde, Unterhaltung, Arbeit, Gesundheit, gesichertes Einkommen, ein Zuhause…

 

Eine Selbstverständlichkeit äussert sich als (z.T. ungeschriebenes) Gesetz, welches mir meine Grundbedürfnisse stillt und auf die ich „selbstverständlich“ ein Recht habe.

Was geschieht, wenn nur eines dieser oben genannten Selbstverständlichkeiten wegfällt? Zum Beispiel  Meinungsfreiheit? Wenn Meinungsfreiheit kostet, ist es nicht mehr selbstverständlich. Es wird zu einem Privileg. Und nur Privilegierte dürfen Privilegien nutzen.

In der westlichen Denkweise haben wir uns die stolze Haltung angewöhnt, Privilegien als selbstverständlich zu erachten. Es scheint in Vergessenheit geraten zu sein, dass ganz ganz vielen Menschen, darunter auch vielen Kindern, einfachste Dinge wie Zahnbürsten, Schulen, Grundrechte ect. unzugänglich sind. Wir, aus der Selbstverständlichkeit lebenden, kämpfen um unsere gemeinten Rechte, nehmen es in Kauf andere in ihren gemeinten Rechten einzuschränken, schliesslich geht es um mich und meine bedrohte Selbstverständlichkeit. Doch was bleibt, wenn nichts mehr bleibt?

... Farben und Formen sehen...
...und mich an ihrer Vielfalt freuen!

Das Geheimnis, selbstverständlicher Selbstverständlichkeit entgegen zu wirken liegt in der Einfachheit eines dankbaren Herzens. Ein zu jeder Zeit dankbares Herz erfreut sich an schönen Momenten und geniesst den Unterschied zwischen Privileg und Selbstverständlichkeit. In Zeiten der Not erkennt die Dankbarkeit, dass auch Privilegierten nicht alle Privilegien selbstverständlich zu Füssen gelegt sind und ist fähig, Privilegien kleiner zu definieren und doch grösser zu schätzen.

Deshalb sollte Dankbarkeit mit selbstverständlichkeit bis zur Selbstverständlichkeit trainiert werden. Darin liegt der wahre Schatz aller Privilegien. Mit selbstverständlicher Dankbarkeit die Privilegien anzuerkennen, die alle samt nicht selbstverständlich sind.

Ich wünsche dir Freude an deinen Privilegien und ein hoffnungsvolles Herz in Zeiten des ungewollten Verzichts auf Selbstverständliches.

Related Posts

1 Response
  1. Cornelia Aerni

    Super wie du dies beschreibst liebe Marianne, deine Kindern konnen sich sehr schätzen das sie euch beide haben, das ist ganz sicher nicht selbstverstandlich oder normal.

Leave a Reply