Happy Chagim

Seit letztem Blogg-Eintrag vergangenen September jagen wir von einem Fest (hebräisch; Chag) zum anderen. Angefangen bei Neujahr (Rosh ha shanna), Yahels Geburtstag, Yom Kippur (Versöhnungstag), Sukkot, Chanukka, TuBiSchevat, ect… 

Mit flauem Magen, rauchendem Kopf und müden Beinen hetzten wir diese Festtage durch. So viel wunderbares diese einzelnen Tage mit sich bringen, die Vorbereitungen sind Zeitaufwändig, kostenintensiv und anstrengend. 

 

Rosh haShana – Neujahr (29.09. – 01.10.19), Hauptbestandteile sind Honig, Granatapfel, Apfel und ein Shofar (Horn eines Widders). Ca.eine Woche lang wurden wir gebeten den Kindergarten als auch die Schule mit oben genannten Produkten zu beliefern. Festlich gekleidet durfte Yahel einen mit Helium gefüllten Ballon steigen lassen, damit verbunden alle ihre Wünsche für das neue Jahr. Yaron und Yaira wurden beschenkt, wie es Brauch ist in diesem lieb gewonnenen Land. Auch Zuhause tunkten wir Apfelschnitze in Honig, pickten Kerne aus dem Granatapfel – nur der Lärm des Shofar`s ersparten wir uns. 

 

Am 30.09.13 hat sich Prinzessin Yahel zu uns gesellt. Dieses Jahr traf der besondere Tag genau auf das jüdische Neujahr. Daher war ein Geburtstagsfest mit Klassenkameraden nicht möglich. Zweimal schlafen und der grosse Tag mit grossem Fest wurde nachgeholt. An diesem Punkt gilt zu erklären; die Schule als auch der Kindergarten geben vor entweder alle (alle Mädchen oder alle Jungs) einzuladen. Ansonsten ist ein Geburtstagsfest nicht gestattet. Da keine weiteren Familienmitglieder im Lande waren / sind, wollten wir es Yahel unbedingt ermöglichen, sich trotzdem gebührend feiern zu lassen. Und mit 14Mädchen inkl.Yahel werden wir schon irgendwie fertig. Im Bewusstsein dass vielen israelischen Kindern Sitte und Ordnung fremd sind, fragten wir eine weitere Mutter der Klasse an, ob sie nicht Übersetzungshilfe leisten möchte und ihre zwei Hände zum Mitarbeiten einsetzen würde. Mit dabei ihr 9jähriger Sohn, Gold Wert im Umgang mit Jüngeren. Während der Party gesellte sich eine weitere Mutter dazu mit Kleinkind. Beschäftigt als Paparazzi. So war Yahel Mittelpunkt von bescheidenen 15 Kindern.(10 aus ihrer Klasse) Unbemerkt kehrten wir die Gewohnheiten des Landes komplett auf den Kopf. So starteten wir mit Kuchen, genossen die Abenddämmerung mit div. Spielen, kehrten zurück in die Wohnung wo jedes der Kinder seine eigene Knete herstellen und beliebig Einfärben durfte. Fütterung der inzwischen wieder hungrige Horde nach getaner Arbeit. Menü; selbst gemachte kleine Pizzas und Gemüsestängeli. Nachdem jede Prinzessin verabschiedet war, durfte Yahel zwei ihrer vielen Geschenke auspacken, Zähne putzen, ins Bett, schlafen. Ein absolut gelungener Tag. Für unsere grosse Maus, weil wir sie so sehr lieben und schätzen.

Kaum wieder im Alltag, schon wieder Freitag, schon wieder Shabbat. Dazwischen liegen bereits wieder Schwimmkurs, Sprachschule und Organisiertes für Yom Kippur. (08.-09.10.) Salop gesagt dient Yom Kippur dazu, sich Gedanken zu machen über vergangenes Jahr, Fehler einzugestehen, Vergebung zu suchen und Änderungen fürs neue Jahr zu planen. (Womit auch geklärt sein dürfte, woher die Vorsätze fürs neue Jahr in schweizer Tradition ihren Ursprung hat.) Bei den ultraOrthodoxen Juden geht die Bedeutung viel viel tiefer.  Und alle gläubigen Christen dürfen mit einer besonderen Aufmerksamkeit diesen Tag geniessen im Wissen, dass die Sündenvergebung eben nicht an einen bestimmten Tag gebunden ist, sondern wir jederzeit in Anspruch nehmen dürfen. Yom Kippur gilt als der allerheiligste Tag im Jahr. Kein Taxi, kein ÖV, kein Motorbike , kein Auto, kein Kleinbus, kein Lastwagen, kein Kamel (fraglich), kein Esel befindet sich auf den Strassen. Nur Rettungsdienste aller Art dürfen ihrem Einsatz nachgehen. Ansonsten gehört die Strasse diesen einen Tag den Fussgängern und den Radfahrern. Die Stille die an diesem Tag herrscht lässt sich kaum beschreiben. Eine friedliche, erholsame Stille. Natürlich liessen wir es uns nicht nehmen, den Spaziergang auf einer sonst sehr stark befahrenen Strasse zu tätigen. Die Kinder wurden streng instruiert nur diesen einen Tag wie ein geköpftes Huhn auf der Fahrbahn zu geniessen. Danach gelten strickt die üblichen Verkehrsregeln.

Weiter gehts mit Sukkot (Laubhüttenfest) und „simchat thora“ (Freudefest über die Thora – 5 Bücher Moses). Unter sekulären Juden eher ein etwas unscheinbarer Brauch. Hauptsächlich Verkaufsläden erinnern an dieses Fest der Thora. Im krassen Gegensatz zu Sukkot. Ein lebendiges, fröhliches Fest und dauert eine ganze Woche. Dieses Jahr gestalteten wir unsere erste schlichte aber mit viel Freude aufgemachte Laubhütte. 

Im Dezember durften wir die Schwiegereltern bei uns Begrüssen. Pünktlich zu Chanukka, dem Lichterfest, beladen mit ganz vielen Geschenken, trudelten sie ein. Jeden Tag wurden Kerzen angezündet, verpackte Überraschungen ausgepackt, gesungen, süsses verzerrt, Gemeinschaft genossen. Hochsaison der Berliner, genannt Sufgania. Eine Zeit in der es sich empfiehlt die Kalorien nicht zu zählen sondern zu geniessen… 
Kaum war Chanukka vorbei, Apell bei Schule und Kindergarten. Der Frühling wird eingeläutet. Nicht mit Glocken. TuBiSchwat (Jedes Jahr werden 1000ende von Jungpflanzen gesetzt) und das Fest zu Ehre der Familie werden gefeiert. Grosszügig. Mit Musik, Tanz, Basteleien, Essen, Gemeinschaft und sehr viel Liebe. Die organisatorischen Kräfte hinter diesen Anlässen geben alles. 

Blümchen gesät, Familienfoto geknipst, auf zum nächsten Fest. Yarons Geburtstag. Gefeiert wurde im Kindergarten. Gemäss Tradition verwöhnte ich die ganze Kindergartengesellschaft mit üppigem Frühstück und Kuchen. Gefeiert wurde auch mit den Nachbarskinder und Freunden aus der Nachbarschaft. Programmpunkte; Kuchen, Spiele und Pizza. Laut, lärmig, wunderbar. Wie sehr lieben wir dich Yaron. Unser Sohn mit dem goldigen und sanften Herzen.

Chag sameach Purim. Vorbereitungen liefen auf Hochturen. Es gab einiges zu tun. Whatsapp mit Hilfeschrei versenden, wer kann wann welches Kostüm oder Assecoires ausleihen? Schminkversuche, Kostümprobe, das grosse Backen, Plakat gestalten um Übersicht zu verschaffen wann welches Kind unter welchem Motto die Wohnung zu verlassen hat. Das grosse Fest zu Ehren der kühnen Ester, die durch ihren Mut ein ganzes Volk rettete, dauerte eine Schulwoche und 3 Ferientage lang. Zu lang für meinen Geschmack. Für unsere Kinder gerade richtig. Euphorische Vorfreude herrscht. Ihrerseits. NUR ihrerseits. Ein jährlich wiederkehrendes Higlight – die Pyjama Party. Frisch aus dem Bett mit Pyjama, zerzaustem Haar, Pantoffeln anstelle normalen Schuhen und dem Kissen unter dem Arm gehts ab ins Klassenzimmer. Yaron und Yaira durften sogar ihre Kuscheldecke mitnehmen. Strahlend vor Glückseligkeit entliess ich drei Kinder. Noch bin ich nicht dahinter gekommen, was das eigentlich tolle an diesem besonderen Tag ist. Doch meine 3Grossen lieben ihn. Nu, nächstes Jahr auf ein Neues.

Auf Purim folgt Pessach. Dem Auszug aus Ägypten  und damit verbunden die Erlösung aus der Sklaverei und den Erhalt der Gesetze in der Wüste. Seit 1000enden von Jahren gedenkt man dieser Geschichte. Für Christen ist es der Abend wo Yashua (Jesus) das Passahmahl mit seinen Jüngern teilte und somit diese Geschichte der Erlösung ein zweites mal wiederholte. In einer noch viel grösseren Dimension.

Der Sederabend (Passahabend) wird im Zusammensein mit der Familie und oder dem Freundeskreis gefeiert. Dieses Jahr fällt die Gemeinschaft weg. Nur Vater, Mutter, Kinder. Mehr ist zu aktuellen Zeiten des Covids nicht erlaubt. Eine schwierige Situation für die gesellschaftsliebenden Israelis. Unsere Pläne wurden ebenfalls durchkreuzt. Mit Schwiegereltern, Freunden und deren Eltern wollten wir Passah unter freiem Himmel in der Wüste feiern. Flugstop und Ausgangsperre kamen zuvor. Yaira traf dies am meisten. Unsere wunderschöne Wüstenblume freut sich seit über 3/4Jahren aufs Zelten an ihrem Lieblingsort. Wenn Grossmama und Grosspapa da sind – war die Abmachung. Wir müssen uns gedulden.

Auf Pessach, auch Fest der ungesäuerten Brote und Frühlingsfest genannt, folgen die Festtage „Yom HaShoa“(Holocoust Gedenktag, s.dazu Blog NeverAgain), „Yom HaZikaron“ (Soldaten Gedenktag) und „Yom haZma:ut“ (Unabhängigkeits Tag). Während die letzten beiden erwähnten Gedenktage noch bevorstehen sind wir sehr gespannt wie wir diese erleben werden. Der Unabhängigkeitstag feiert Jahr für Jahr ganz seine Bedeutung. Gefeiert wird im Freien, verbunden mit Aktivitäten für Kinder und Barbeque für Erwachsene. Das Volk trifft sich. Ein fröhliches Miteinander bis spät in die Nacht.

Diesen 29.04.20 wurde vom Staat eine komplette Ausgangssperre verordnet. Die Stimmung der Bürger ist (nach 5 Wochen Isolation) am brodeln… Happy Chag?!